Es war einfach noch nicht meine Zeit

02 Sep 2012
2. September 2012

Als ich diese neue Rubrik ankündigte, erzählte ich von zwei Artikeln, die ich im Internet gelesen hat und die mich quasi zu dieser Serie anregten.

Beide handelten vom Hamburger Club Front, der von 1983 bis 1997 die Hamburger Houseszene prägte und der erste deutsche House-Club überhaupt war. Besonders an Freitagen, wenn es hieß “men only”, war er ein beliebter Treffpunkt der schwulen Szene.

Wenn ich jetzt sage, dass ich diesen Club nie besucht habe, fragt ihr euch sicherlich, warum ich darüber schreibe. Nun, diese Geschichte spielt in einer Zeit, in der ich noch weit entfernt war von meinem Coming Out, in der ich mir noch nicht sicher war wo mich mein Weg hinführen würde.

Mein ganzer Stolz, ein ziemlich maroder BMW 316

Es war 1984 und ich hatte gerade meinen Führerschein gemacht. Als stolzer Besitzer eines Autos, erweiterte sich plötzlich der Radius in dem ich mich bewegen konnte, es erweiterte sich auch der Freundeskreis und ich durfte Abends/Nachts solange wegbleiben wie ich wollte.
Meine Freunde waren überwiegend männlich und es wunderte und störte mich nicht, dass in der Regel keine Mädchen dabei waren, wenn wir auf Piste gingen. Meistens besuchten wir Großraumdiscos. Es war die Zeit des Italo Pop und von Modern Talking. Freitag und Samstag fuhren wir sehr oft nach Lüneburg ins Galactica, eine dieser großen Tanztempel, wo “unsere Musik” spielte und es eine für damalige Verhältnisse gigantische Lasershow und sehr viel Trockeneisnebel gab. Das Publikum war überwiegend Hetero, zumindest konnte ich nichts Schwules ausmachen, aber damals zeigte man seine Zuneigung zum gleichen Geschlecht noch nicht so öffentlich. Ich wusste damals ja selbst noch nicht dass ich aufs männliche Geschlecht stehe und habe deshalb auch keine Ausschau danach gehalten.

Meistens waren wir zu dritt unterwegs, mein bester Freund, der auch Holger hieß und Jens ein weiterer Freund. Wir alle drei hielten nicht nach Mädchen Ausschau, wir kamen nur um zu tanzen. Und wir tanzten die ganze Nacht, zwar jeder für sich, aber doch immer zusammen. Wir redeten auch nicht über Mädchen, obwohl ich wusste, das zumindest Holger nur auf Mädchen stand. Wenn wir früh morgens nach Hause kamen und Jens abgesetzt hatten, saßen Holger und ich noch lange vor seinem Elternhaus in meinem Wagen und unterhielten uns über dieses und jenes. Diese Gespräche hab ich immer sehr genossen, vielleicht war ich auch sogar ein wenig verknallt in ihn. Zumindest hatte ich ihn sehr gern.

Natürlich fuhren wir auch mal nach Hamburg rein. Auf dem Rückweg kamen wir meistens am Front vorbei. Der Club lag direkt auf der Ecke von zwei viel befahrenen Straßen. Wenn wir an der roten Ampel direkt davor standen, sahen wir in Leder gekleidete Männer, die am Geländer lehnten und mit anderen Männern sprachen. Der Eingang zum Front war, wie der Club auch, im Keller, alles war sehr düster und wirkte auf mich etwas schmuddelig. Trotzdem war es für mich damals der einzige “Kontakt” mit der schwulen Welt und immer wenn wir auf der Straße, in der das Front war fuhren, versuchte ich die Ampelphasen so abzupassen, das ich davor zum Halten kam.

Jahre später, als ich nebenbei Taxi fuhr, führte mich mein Weg manchmal am Front vorbei. Und auch dann fuhr ich immer besonders langsam an die Ampel heran, um vielleicht dort einen Fahrgast aufzunehmen, was aber nie geschah. 1997 schloss das Front, aber auch jetzt noch muss ich jedesmal daran denken, wenn ich dort vorbeifahre.

Vielleicht wäre ich selber mal hingegangen, aber damals war für mich einfach noch nicht die Zeit.

(Foto Front: © Finn Johannsen)

3 Antworten
  1. Holger says:

    Auch das kommt mir bekannt vor. Witzig war dass ich Jahre später erst mitbekam dass einer meiner Kumpels mit denen ich wie Du am Wochenende tanzen war auch schwul war … Damals kam ich gar nicht auf die Idee und da ich Kontakt verloren hab weiss ich bis heute nicht ob er damals das selbst schon wusste/akzeptierte…
    Ich hab allerdings mit dem Golf I angefangen ;)

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Auch durch deinen Kommentar lebt dieses Blog.
Schreib uns deine Meinung zu diesem Betrag, oder diskutiere mit anderen Lesern.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

© Copyright - styve.de - Impressum - Datenschutz