Holgers Coming Out

Proud to be gay
„Ich bin schwul“ – drei kleine Worte und Dein Leben ist total anders. So könnte man mit wenig Worten mein Coming Out beschreiben, den Moment in dem ich mir eingestand anders zu sein als die meisten. Ich bin ein Mann und liebe Männer, nichts Schlimmes nichts Großartiges, aber für mich in dem Moment der tollste Augenblick der Welt. Ich habe lang darauf gewartet, zu lange, aber besser als diesen Moment gar nicht zu erleben.

Ich kann mich daran erinnern, als wenn es grad gestern gewesen ist. Ich saß am PC und surfte mal wieder auf irgendwelchen schwulen Seiten herum, chattet auch nebenbei. Plötzlich stand vor meinen Augen in großen klaren Buchstaben geschrieben „Ich bin schwul“. „Ja“, dachte ich, „ich bin schwul“ und ich sagte es laut. Von da an war wirklich alles anders. Plötzlich fühlte ich mich wohler in meiner Haut, weil ich wusste wo ich hingehörte und was ich wollte. Die ersten Tage erlebte ich wie in Trance und ich glaubte über allem zu schweben. Ich war unendlich stolz darauf schwul zu sein…

Wie fing alles an?
Um ehrlich zu sein war ich wohl schon immer schwul, nur wollte ich das mir und meiner Umwelt nicht ganz eingestehen. Ich möchte nicht so weit ausholen, aber nach meinen Coming Out merkte ich erst wie früh eigentlich schon die Weichen für mich gestellt waren, wie früh ich mich für das gleiche Geschlecht interessierte. Nur hab ich es einfach nicht als „schwul“ interpretiert. Dieses Wort gab es für mich gar nicht und der Grund warum ich mich so zu einigen meiner männlichen Klassenkameraden hingezogen fühlte, war mir auch nicht klar. Es war halt einfach so. Auch das ich, wie wohl jeder Schwule, in Versandhauskatalogen zuerst immer die Herrenunterwäscheseiten anschaute, war für mich kein Anlass daran zu denken andersrum zu sein.

Also machte ich mich, wie alle pubertierenden auf Brautschau. Ja, ich hatte schon Erfolg, aber eigentlich keinen Bock drauf. Das frustrierte mich so, dass ich es sein ließ und mich anderweitig beschäftigte: mit Schule, Arbeit und mir selbst.

Als dann der erste Schub meiner Freunde ans Verloben und sogar ans Heiraten dachte, bekam ich wohl so was wie eine Krise und wollte es wissen. Und da begann wohl die schwierigste Phase in meinem Leben. In dieser Zeit hat mich das Internet sehr unterstützt. Ich habe mir CO-Geschichten in Massen reingezogen, mich in schwulen Chats rumgetrieben und war natürlich auch auf den wirklich einschlägigen Seiten und das WWW tat das, was meine Eltern hätten tun müssen:
Mich darüber aufzuklären, das Schwulsein nichts Verwerfliches oder Schlimmes ist, sondern doch eigentlich ganz normal! Nicht das in meiner Familie schlecht über Schwule gesprochen wurde, nein, sie haben über nichts gesprochen. Sex, Liebe, Beziehungen waren nie ein Thema. Ich frage mich gerade worüber wir uns immer so unterhalten haben…
Vielleicht liegt es genau daran, dass es bei mir erst so spät losging. Ich hatte niemanden mit dem ich sprechen konnte. Worüber auch? Ich wusste ja selbst nicht so recht was mit mir los war.

Ich verlor die Scheu und mir wurde klar: ich bin schwul. Als ich das zum ersten mal sagte und es mir auch wirklich eingestanden habe, bin ich durch meine Wohnung gerannt und habe es immer und immer wieder gesagt. Ich war total happy!

Raus damit
Das Problem war nur, dass ich es nun zwar wusste, aber sonst noch niemand, außer ein paar Leuten aus dem Internet. Zuerst einmal ging ich raus in die Szene, engagierte mich, ging auf schwule Parties und hatte auch schnell meinen ersten Freund. Es war eine verdammt schöne Zeit. Es war als wenn ich ständig unter Drogen stand und ich hatte das Gefühl jeder starrt mich an. Nun geschah das alles aber unter Ausschluss meines „alten“ Bekanntenkreises, aber ich wollte unbedingt, dass sie es alle erfahren, denn die Zeit des Versteckens sollte nun endgültig vorbei sein.

Ich erzählte es zuerst Julia, einer Freundin und die Reaktion war sehr entspannt. Ich druckste natürlich etwas rum und hab für meine Erklärung wohl überhaupt nicht das Wort schwul gebraucht. Es war klasse. Nach und nach erfuhren es dann fast alle. Die einen persönlich, die anderen durch Freunde und einige, klar, per eMail.

Es hat sich seitdem viel verändert
Ich bin offener geworden und stehe zu dem, was ich bin. Ich bin sogar ein wenig stolz drauf. Tja, ich wollte schon immer ein wenig anders sein und tat eigentlich nie das, was man von mir erwartete.

Diese Geschichte ist aber noch nicht zu Ende, denn es gab noch ein paar Leute, die es nicht wussten: meine Mutter, mein Vater, seine zweite Frau sowie mein Bruder.

Warum das so war?
In unser Familie wurde, wie ich schon erwähnte, weder über Liebe, Sex noch sonst irgendwas in dieser Richtung gesprochen…nie! Deshalb war es sehr schwierig für mich ihnen gegenüber damals auf einmal so offen zu sein, wie ich es bei meinen Freunden sein konnte.

Ein anderer Grund
Meine Eltern sind ja schon etwas älter und so denke ich, war es für sie einfacher zu begreifen, wenn sie „es“ auch sehen und somit auch glauben. Ich meine, wenn ich bei ihnen mit meinem Freund auftauche.

Nachdem ich Gunnar kennengelernt hatte und mir sicher war, dass es was Festes sein würde, hatte ich natürlich einen Grund es meiner Ma und meinem Bruder zu sagen. Schließlich sollten sie mein Glück mit mir teilen. Der Geburtstag meines Bruders bei dem wir uns zu dritt bei meiner Mutter treffen wollten schien für mich passend. Mein Bruder holte mich von zuhause ab und wir fuhren gemeinsam nach Husum, wo meine Mutter damals wohnte. Wir hatten nie so viel miteinander zu besprechen, auch wenn wir uns länger nicht gesehen hatten, also hielten wir Smaltalk. Das war mir auch ganz recht, denn innen drin pochte mein Herz vor Aufregung, aber auch vor Freude es endlich loszuwerden.

Aber so ist das nun mal. Da denkt man (ich) an nichts Böses, weil man (ich) sich einfach nur freut und wird dann doch vor den Kopf gestoßen. Wir saßen im Restaurant und ich erzählte ihnen das ich verliebt bin. Wie sie denn hieße wurde ich gefragt und ich antwortete „Gunnar“. Mein Bruder wurde schlagartig ruhig weil er  es wohl verstanden hatte, nur meine Mutter hakte noch einmal nach: „Ist das ein Männer- oder Frauenname?“

Meine Antwort war klar und es passierte das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte, nämlich nichts! Schweigen und Blicke die andeuteten: „Na ja, du bist alt genug, du musst das ja selber wissen“. Ich hatte ja immer vermutet, dass sie alle es eigentlich mittlerweile ahnen müssten, die Situation sagte mir aber etwas anderes. Es war nicht schön dieses Schweigen, denn hätten sie etwas gesagt, egal was, hätte ich mit ihnen darüber reden können, aber sie haben geschwiegen und mir damit den Wind aus den Segeln genommen, Thema gewechselt und fertig.

Mein Bruder brachte mich Abends direkt zu Gunnar, was für ihn sogar ein kleiner Umweg war. Wir haben noch weniger miteinander gesprochen als auf der Hinfahrt. Wie ich hinterher erfuhr, hatte er wohl anfänglich sogar ein Problem damit.

Meine Mutter verkraftete das besser, denn ein paar Tage später rief Sie mich an und erkundigte sich nach uns und wann ich denn mal wieder vorbei käme. Gunnar sollte dann natürlich mitkommen.

Ich glaube es war eine Woche später, als ich ihr Gunnar vorstellte und schon nach kurzer Zeit hatte sie ihn in ihr Herz geschlossen. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie keinerlei Berührungsängste hatte. Wir sprachen zwar nicht über schwule Themen, aber das muss ja auch nicht sein.

Bei meinem Vater war es übrigens ganz unkompliziert. Als wir mal in Berlin waren, meldete ich uns einfach bei ihnen an und sagte sie sollen doch einen Platz mehr im Restaurant bestellen. Kein Problem. Ich merkte sie wussten es, wohl von meinem Bruder.

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